Eine Neujahrsansprache von 2049

Was wir am Nachmittag des 20.1. im Freu-raum erspüren, aber auch faktisch erkennen konnten:

Die Zukunft wird gelingen – der Weg dorthin aber wird in jedem Fall riskant:

  • wenn wir blind weitertrotten wie bisher, wird er sogar gefährlich-
  • wenn wir aber bereit sind, das Risiko einzugehen, ins Neuland aufzubrechen, schlägt die Geburtsstunde jener Veränderung, die zum Besseren führen kann.

Veränderung heißt handeln. Handeln kann nur, wer ein Orientierungssystem zur Verfügung hat. Da die bisher angebotenen Orientierungssysteme wie Macht, Angst, Besitz oder Eigennutz nicht zur Veränderung führen, braucht es die Bildung eines hilfreichen, verbindlichen Orientierungssystems: umfassenden Respekt vor dem Leben.

Dieser neue, umfassende 360° Respekt entsteht nicht durch Angst und Anpassung, sondern durch ermutigende Begegnungen in Freu-räumen!

2049: Die Welt in Balance

Eine Neujahrsansprache für Junggebliebene

 Meine Damen und Herren, liebe Kinder! Erfreuliche 30 Jahre liegen hinter uns, seitdem unsere Eltern und Großeltern in den 20er-Jahren dieses Jahrhunderts, als vieles so hoffnungslos verfahren schien, sich eines Besseren besonnen haben –  gerade aufgrund der damals sich verschärfenden Krisensituationen auf der Welt.  Statt des jahrelang betriebenen Rückzugs in Depressionen, Blasen (so hieß damals die zunehmende Verelendung der Gesprächskultur) und autoritär-nationalistische Flucht aus der Verantwortung für das Weltganze, schafften sie den Turnaround. Wir, die Heutigen, Kinder und Enkel der früher heillos Zerstrittenen, sind unendlich dankbar dafür.

Nun, sich immer mehr verschärfende Probleme ließen ihnen auch gar keine andere Wahl:

# die Folgen der Erderhitzung (damals sagte man noch eine Zeitlang romantisierend „Klimaerwärmung“) wie der Anstieg des Meeresspiegels um bislang 45 cm (was doch unseren sich so informiert wähnenden Vorfahren durch die weltweiten Voraussagen hätte bewusst sein müssen),

# die damit verbundenen Katastrophen und der weltweite Landverlust –  und die daraus folgenden Fluchtbewegungen in nie gekanntem Ausmaß ( 2035 war die Mittelmeerroute dann ja endgültig geschlossen – und zwar eine geschlossene Bootsreihe von Millionen Flüchtenden aus den sich ausbreitenden Wüsten- und Hochwasserregionen dieser Erde),

# der lange Zeit als unvorstellbar geltende massive Abbaus der bisher bekannten Arbeitsplätze durch Digitalisierung und Robotik ( das alles wurde ja 2019 noch als Bedrohung durch MigrantInnen inszeniert und nicht als eine, der der Geldgier einiger weniger im Hintergrund geschuldet war– was für ein Ablenkungsmanöver, meine Damen und Herren! So etwas würden wir uns heute nicht mehr einreden lassen!)

# die psychische Verelendung immer größerer Teile der Bevölkerung in Depressionen  ( besonders im ländlichen Raum ) und burnout in den Städten –

# und der drohende Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts, des Respekts und damit des Demokratischen ,der die hier beschriebenen Probleme am Beginn der 20-er Jahre erst recht verschärfte.

 

Aus heutiger Sicht können wir sagen: das Steuer wurde noch rechtzeitig herumgerissen:

*Das Klima ist zwar heißer, technische Abfederungen erlauben uns aber zu leben – manchen jedoch in vollkommen neuen Weltgegenden;

*die Neustrukturierung von Arbeit hat zu neuen Zeitkulturen geführt; Geld ist in unserer ökohumanen Suffizienzgesellschaft aufgrund der heute gängigen Sharing-Plattformen nicht mehr allzu wichtig ( wer hat heute noch eine Bohrmaschine? Denken sie nur: 2019 waren  96% aller Haushalte in der westlichen Welt in Besitz einer solchen– bei einer Nutzungsdauer von 30 sec. pro Maschine – pro Jahr! Und eine solche Gesellschaft glaubte von sich, sie sei effizient…).

*Der Umbau von Finanzkonzentrationen und globalen Warenströmen mit ihren massiven C02-Belastungen hin zu regionalen Kreislaufwirtschaften ist heute beinahe abgeschlossen.

*Kooperative, zukunftsfreudige Bildungsregionen bauen die Basis dazu.

*Als diese Basis gilt heute Respekt: ein Respekt neuer Prägung, der die Bedürfnisse von Menschen und aller anderen Lebewesen ebenso respektiert wie ihre Potentiale und Fähigkeiten – zu denen selbstverständlich auch der respektvolle Umgang mit Schwächen gehört.

Es wäre heute undenkbar, die Potentiale von 15% der Menschen ungenützt zu lassen, die 2019 noch unter Illektismus litten, der Behinderung, nicht mehr als 4 Worte sinnerfassend lesen und schreiben zu können ( weil ihnen in einem unfreundlichen Schulsystem Wunden der Beschämung zugefügt worden waren ), oder von 45%, die damals unter psychischer Überlastung klagten: eine Kultur im burnout, die sich vor anderen Kulturen fürchtete und dabei ihren eigenen Verfall verdrängte.

Dunkle Zeiten waren das für unsere Eltern und Großeltern, die wir als Kinder mitbekamen und auf keine gute Zukunft hoffen ließen. Überall war von „Krise“ die Rede, keiner konnte uns aber sagen, worin sie im Kern bestand und was zu tun sei. Heute wissen wir aus den Analysen derer, die damals schon an unser Wohlergehen in den kommenden Jahrzehnten dachten, dass diese Unklarheit System hatte – weil noch niemand bereit war, das zu ändern, was die Ursache der vielen Krisen war…

Heute, 2049, können wir sagen: wir haben als Menschheit unsere Lektion gelernt- und die heißt: nicht mit der Flucht zurück ins Nationale globale Herausforderungen der Zukunft bewältigen wollen; und nicht in Gremien oder Internetblasen über die Position von Gartenzwergen zu streiten, wenn der Tsunami kommt.

* Statt dessen besser Risikointelligenz zu beweisen und eine neue Kommunikationskultur zu pflegen, die nicht mehr reflexartig das ABER, sondern den oft langen Weg zum UND sucht – und damit den Weg aus dem Stillstand oft hasserfüllter Rechthaberei hin zur aufrechten Begegnung im Dialog.

* Als Basis dafür kooperative Bildungsformen zu entwickeln, die diesen Weg vom IQ zum WeQ, zu einer Empathie höherer Ordnung, begehbar machen – und damit Abschied zu nehmen vom burn out des lonesome hero der patriarchalen Zeit.

* Daraus neue kooperative Wirtschafts-, Konsum-, Wohn- und Mobilitätsformen zu entwickeln, die statt globaler Transportwege regionale Ressourcen nützen

* Sich also darüber bewusst zu werden, dass Leben seit Jahrtausenden gelingt, wenn wir die Wohltaten unserer Vorgängergenerationen ebenso respektieren wie unsere Verantwortung für die Welt unserer Nachkommen.

So haben unsere Eltern und Großeltern Schritt für Schritt den weltweiten Jahrmarkt der Unanständigkeiten verlassen, den sie mit ihrem unreflektierten Konsumverhalten bis dahin zu stetem Wachstum verholfen hatten. Und Schritt für Schritt wurde deutlicher und schließlich zum common sense: Einzelinteressen ( von Menschen oder Nationen) sind nur dann erfüllbar, wenn zuvor das Interesse dem Ganzen –dem Weltganzen nämlich – gilt: weil nur Boden, Wasser, Luft und Energie die Voraussetzungen dafür sind, die unterschiedlichsten Bedürfnisse stillen zu können.

Überall, liebe Mitmenschen, sehen wir heute Verbesserungen der Lebensqualität:

  • eine auf globaler Empathie basierende Bildungskultur, die nicht nur Mitgefühl, sondern auch die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zur Antizipation – und damit zur Verantwortung für die Folgen des eigenen Tuns möglich macht,
  • den Ausgleich der Ressourcengerechtigkeit zwischen Stadt und Land – und zwischen Nord- und Südhalbkugel durch kluge Mentoring-Partnerschaften, was auch heißt:
  • Zukunftschancen für die früher Benachteiligten- und damit Entängstigung und Erhöhung der Lebensfreude in den Wohlstandsregionen, die zwar Bohrmaschinen einbüßten, aber innere Sicherheit gewonnen haben.

 Die politische Kultur unserer ökohumanen Gesellschaft kennt heute jedes Kind:

 WELT  WEIT  DENKEN:

WIR SCHAUEN DRAUF…

… UND ÜBERNEHMEN FÜR’S LEBEN GERN VERANTWORTUNG!

Menschen, Betriebe und Gemeinschaften, die ihr Leben und Handeln maßvoll und mit Blick auf Lebensqualität gestalten, können trotz aller inneren und äußeren Belastungen Zufriedenheit und Zuversicht erleben – und strahlen diese auch aus. Sie hoffen oder raffen nicht für die Zukunft, sondern gestalten die Gegenwart so, dass für die Zukunft Hoffnung besteht.

 Diese heute gepflegte ökohumane Zukunftsorientierung basiert vor allem auf der persönlichen und gesellschaftlichen Pflege von Respekt.

Respekt schaut heute über aktuelle Gräben hinweg auf das, was not-wendig ist: das Herstellen von globaler und generationeller Gerechtigkeit durch den Abbau aktueller Schräglagen. Dem kamen wir nur näher, weil in unserer sharing society wir, die in den letzten Jahrhunderten bevorteilten Bevölkerungsgruppen und Weltregionen, Macht und Besitz zu teilen gelernt haben– und die Benachteiligten in Nord und Süd ihre Kraft nun nicht mehr für Hass  und Opferstarre, sondern für zündende Ideen für eine gute Zukunft einsetzen.

Niemand glaubt heute in der komplexen Welt, die wir alle mit Blick auf unsere Vorteile geschaffen haben, noch an einfache Lösungen – dafür aber an die Kraft gegenseitigen Respekts. Und damit an die Möglichkeiten und Fähigkeiten von Menschen, Gruppen und Gesellschaften, durch zivile Präsenz Verantwortung für das momentan Bestmögliche zu übernehmen. Denn das haben wir aus der Geschichte gelernt: wer aus einer morbiden Sehnsucht, gerettet zu werden ( ohne zu wissen, wovor nun eigentlich genau ) Verantwortung für Lösungen an die anderen abschiebt und zurück in die „gute alte Zeit“ will, muss auch bereit sein, auf selbstverständliche Vorteile der

„neuen Zeit“ zu verzichten. In den frühen 20er-Jahren waren es die Nutzung von Flugzeugen, Autos mit Brennstoffmotoren, Smartphones und ganz allgemein der unbegrenzte Warenfluss von Süd nach Nord, die es zu reduzieren galt, um Ausbeutung und Ungerechtigkeit in der globalen Wirtschaft und Ströme von Flüchtenden zu verhindern. In einer solchen Situation ein ideologisches, religiöses oder nationales Gegeneinander aufzubauen wie das eine Zeitlang versucht wurde, mag zwar vom notwendigen Wandel ablenken, entspricht aber nicht unserer ökohumanen Verantwortung als BürgerInnen und als Vorbilder unserer Nachkommen, die den Raub ihrer Lebensgrundlagen nicht verdienen.

Die Globalisierung demokratisch und ökohuman gestalten: was bis 2019 viel zu wenige in Angriff nahmen, wurde Schritt für Schritt gesellschaftliche Kultur: durch Respekt die Basis für nachhaltiges Leben und Wirtschaften – und das Demokratische in uns Menschen zu schaffen.

Damit war nicht jener Respekt gemeint, der zuvor in Jahrhunderten patriarchaler Herrschaft die Anpassung an Hierarchien verlangte: nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Nein, der neue 360°Respekt meinte und meint Gleichwürdigkeit aller – auch jener, die anderer Meinung, Religion oder Hautfarbe als der eigenen sind.

360°Respekt reichte aber viel weiter, weil er weiter reichen musste:

in Konfliktsituationen – dort heißt er nun zivile Präsenz – in die Art, Bildung und Begegnung herzustellen – dort pflegen wir ihn heute nicht mehr als Diskussion, sondern im Dialog – und gegenüber unserer Mitwelt durch ökologisch-nachhaltiges Dasein: erst dadurch konnte die ökohumane Gesellschaft entstehen.

Respekt als Mitte unserer Gesellschaft hat uns und unseren Eltern jene Orientierung gegeben, die den Weg in die Gegenwart ebnete.

Gerald Koller

Wir bedanken uns herzlich bei Gerald für die inspirierende Rede und den optimistischen Blick in die Zukunft. Wer nicht live dabei war, hat etwas verpasst. Nähere Informationen über Ihn und seine Angebote findet ihr auf www.qualitaetleben.at.  Demnächst zum Beispiel:

Respecting

Mit Respekt die Grundlagen für die Zukunft entwickeln
Weiterbildung zum/zur ResonanzpädagogIn / ModeratorIn von RespektRegionen

DIE GEDANKEN SIND FREI!

Freiheit – Würde – Verantwortung
Das Dialogfestival an der Grenze
Schattendorf/Burgenland
15.- 18.8.2019

 

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